„Entwickelung des industriellen Publikums“
Ferdinand Redtenbachers Wirken für Maschinenbau und technisches Bildungswesen

Dr. Klaus Nippert, Leiter des Archivs der Universität Karlsruhe

• Der ganze Artikel befindet sich in: Festschrift zum 200-jährigen Geburtstag von Ferdinand Redtenbacher. 2009, S.116-127


Ferdinand Redtenbacher in seiner Geburtsstadt Steyr zu feiern ist selbstverständlich, gibt es doch wohl keinen dort Geborenen, der so stark auf die Welt gewirkt hat wie er. Jedoch ist der Gang nach Steyr mehr als nur Gelegenheit, den Menschen zu würdigen, der den wohl größten Beitrag zur Begründung des wissenschaftlichen Maschinenbaus leistete. Mit dem Steyr der ersten Lebensjahre Redtenbachers fassen wir einen von den Vorboten der Industrialisierung geprägten Ort. Das „österreichische Birmingham“ mit seinen Hammerwerken und der von Redtenbachers Vater betriebenen Eisenhandlung hielt einschlägige Anregungen für den aufgeweckten und nicht immer zur Befolgung seiner Schulpflicht geneigten Sprössling sicherlich bereit.

Es ist nicht ganz einfach, die Linien von der frühen Umgebung Redtenbachers zu seinen späteren Stationen zu ziehen. Es gibt keine verlässliche Nachricht, dass dem Heranwachsenden etwas oder jemand den Weg gewiesen hat. Vielleicht spielte die Bekanntschaft mit einem „Bezirksingenieur“ eine Rolle, die der früh mit „Talent und Begabung im Mechanischen“ aufgefallene Junge angeblich „sehr cultivierte“.

Resümee:
Wenn das Lebenswerk Redtenbachers gewürdigt wird, stehen die von ihm vollzogene Einführung wissenschaftlicher Methoden in den Maschinenbau und seine Wirkung als Lehrer im Vordergrund.  Die Leistung für den Maschinenbau bedarf der sorgfältigen Vermittlung, weil der von ihm angestoßene Zug so viel weiter gefahren ist. Redtenbachers Leistung als Lehrer ist dagegen eingängiger beschrieben als Kombination packender Vorträge mit gestischem und akustischem Körpereinsatz, unterstützt durch hinreißende Tafelbilder.

Die Reihe der prominenten Industriellen unter seinen Schülern spricht für sich. Zu nennen sind hier in Auslese:
• Der Gründer der Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg Heinrich Buz,
• Eugen Langen, der mit Nikolaus Otto den Gasmotor entwickelte,
• Der Lokomotivenbauer karl Anton Oskar Henschel,
• Der Dampfmaschinenproduzent Heinrich Sulzer,
• Der Gründer des nach ihm benannten Konzerns Emil Skoda
• Der Konzerngründer August Thyssen

Hinsichtlich seiner Beziehung zu Redtenbacher erklärungsbedürftig, aber nicht weniger bekannt, ist der Automobilpionier Carl Benz, der 1860 am Polytechnikum immatrikuliert, zunächst die Grundausbildung durchlief, bevor er im Herbst 1862 mit dem von Redtenbacher versehenen Fachstudium begann.

Unter den Protagonisten des technischen Bildungswesens ist ebenfalls eine Reihe von Schülern Redtenbachers zu würdigen. Hervorzuheben ist Franz Reuleaux, der als professor an der Technischen Hochschule in Charlottenburg weitere wesentliche Anstöße zur Entwicklung der Disziplin gab. Eine besonders weite Ausstrahlung ergab sich mit der Schülerschaft des Iwan Alexejewitsch Wyschnegradski, mit dessen Eintreten für die Maschinenbaulehre Redtenbacher bis nach Russland wirkte.
Franz Grashof übernahm zusammen mit dem Redtenbacher-Schüler Josef Hart die Nachfolge in der Lehre. Als Gründungsvorsitzender des Vereins Deutscher Ingenieure schuf Grashof eine Plattform, um die Idee der Technischen Hochschule zu propagieren und weiterzuentwickeln, und er erfuhr die Befriedigung, das vertretene Programm detailtief in die Realität überführt zu sehen.

Das Leben Redtenbachers beeindruckt mit der Wirkung auf den Maschinenbau, der Schülerschaft und dem Einfluss auf die Entwicklung der Technischen Hochschule. Gegen das von ihm monierte Defizit in der „Entwickelung des industriellen Publikums“ hat er damit in mehrfacher Hinsicht gewirkt. Immer wieder wird in diesem Zusammenhang auch auf Redtenbachers Anstöße zur allgemeinen Bildung der Ingenieure verwiesen. Darauf aufbauende Beschwörungen des allgemeingebildeten Spezialisten können leicht als theorienverhaftet erscheinen. In Ferdinand Redtenbacher aber sehen wir ein Beispiel, wie das SURPLUS allgemeiner Bildung einem Techniker zusätzliche Inspiration und Schubkraft verliehen hat. Mit seinem recht frühen Tod ging eine Persönlichkeit, in deren Beisein sich die nachfolgende Spaltung des deutschsprachigen Hochschulwesens in traditionelle Universitäten und Technische Hochschulen vielleicht nicht so stark wie tatsächlich erfolgt ausgeprägt hätte. Von daher ist der Blick auf Redtenbacher auch ein Anlass zur Auseinandersetzung mit der unsere Gegenwart prägender Einteilung von Fachwelten.


Zur Person:
Dr. Klaus Nippert wurde 1967 in Lüneburg/Niedersachsen geboren und studierte mittelalterliche und neuzeitliche Geschichte, Deutsche Philologie und Lateinische Philologie des Mittelalters und der Neuzeit an der Universität Göttingen. Nach der Promotion im Jahr 1998 absolvierte er in Nordrhein-Westfalen die Ausbildung für den höheren Archivdienst und war anschließend am Historischen Archiv der Stadt Köln tätig. Seit 2002 leitet er das Universitätsarchiv Karlsruhe. Interessensgebiete sind die frühneuzeitliche Herrschaftswelt und die Entwicklung des technischen Bildungswesens.

 

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