Ferdinand Redtenbacher philosophisch nach-gedacht
Ferdinand Redtenbacher: tempi passati?

Mag. Dr. Enrico Savio

  • Der gesamte Vortrag und Text des Essays befindet sich in: Festschrift 2009, S. 150 - 165

Der Mehrwert der Historie – abgesehen natürlich von ihrer innerdisziplinären Verfolgung – liegt in der Interpretation. Das  möchte insbesondere bei diesem Mann, dem das Attribut „Begründer des wissenschaftlichen Maschinenbaus“ zugesprochen wurde, in Anspruch genommen werden, da er – so bestätigen es die Zeitzeugen als auch die Historiker – mit seinem geistigen Wirken Veränderungen, Innovationen und vor allem neues Orientierungswissen in sein Metier gebracht hat. Diese Leistungen übersteigen  - in heutigem Sprachgebrauch ausgedrückt – somit eine reine Pragmatik bei weitem, und weisen auf eine kreativ-inventive Persönlichkeit, die es zu verstehen und gegebenenfalls zu adaptieren gilt. In diesem Sinn will hier, das sei ausdrücklich betont, kein rein analytischer, sondern durchaus ein zum guten Teil spekulativer Beitrag vorgelegt werden. Alle Spekulation soll jedoch auf vorliegenden Äußerungen, Zitaten und Einschätzungen basieren. In diesem Artikel wird daher die Freiheit einer fantasievollen Interpretation in Anspruch genommen und kein Historismus verfolgt.

Der Verfasser geht auf folgende Aspekte ein:
• Multiple Revolution
• Redtenbachers „Methodenpluralismus“
• Moralische Maximen

Resümee:
„Nach-denkliches“
Was hat dieser Denkpionier der Technik, Ferdinand Redtenbacher, nun Nachhaltiges geleistet, sodass er nicht nur bei Technikhistorikern Nachdenklichkeit und Respekt auslöst? Eine Nachdenklichkeit nicht nur im Sinne eines Nachgehens seiner wissenschaftlichen Neuerungen im Maschinenbau, das in einem anderen Beitrag behandelt wird, sondern auch im Sinne einer Reflexion seines grundlegenden Zuganges zu seinem Metier.

Redtenbacher- so kann man resümieren – hat nicht die Parameter, Paradigmen und Kodices der als Standard geltenden Wissenschaft nachgebetet, sondern aus seiner eigenen Denkkraft gerade diese Parameter, Paradigmen und Kodices adaptiert und in neue Theorien übergeführt.  Somit hat er methodisch in metareflexiver Weise die eigene autodidaktisch gebildete Vernunft ins Spiel gebracht. Damit gibt er – wahrscheinlich auch aus der Reflexion um diese Thematik – dem inventiven Geist und nicht nur dem innovativen einen Freiheitsraum. Der innovative ergänzt, erweitert, differenziert, kombiniert und generiert aus den vorgegebenen Grundlagen Varianten, der inventive eröffnet, findet Neues, fantasiert und verändert damit selbst Grundlagen bis hin zu den Paradigmen.

Redtenbacher bringt – wohl aufgrund seines transdisziplinären Forschergeistes und seiner – im besten Sinn des Wortes – revolutionären Genialität die aperiensische, die eröffnende Vernunft in seine Wissenschaft ein und begnügt sich nicht mit einer kombinatorischen, instrumentellen, pragmatischen oder ökonomischen Vernunft. Zugegeben, dass in der Philosophie diese aperiensiche Vernunft selbst immer wieder auf kombinatorische Varianten reduziert worden ist, indem tendenziell die großen Denklinien der Fantasie in vorgefasste Denkgebilde aufgehoben worden sind, weil sich z.B. Philosophen zu sehr den naturwissenschaftlichen Denkformen angebiedert und damit eine Originarität verhindert haben. Man denke an Redtenbachers Worte, dass man mit Prinzipien (der Mechanik) alleine keine neuen Erfindungen zu Wege bringt, was genau diese durchdachten Reflexionsebenen zum Ausdruck bringt. Damit gibt Redtenbacher insgesamt eine transdisziplinäre Qualität vor, die ihn in die Riege der Großen seines Metiers einreiht.

Wo sind heute die „Redtenbachers“ in der Technik, in den Naturwissenschaften, in der Ökonomie?
Selbstkritisch frage ich auch, wo sind heute die „Kants“ in der Philosophie, die gegebenenfalls die „Redtenbachers“ inspirieren? Denn wir bewegen uns gegenwärtig – um es in Analogie wieder mit unserem Herrn Redtenbacher zu formulieren – leider im Wischiwaschi der en voguen Standardtheorien. Die Welt mit ihren gegenwärtigen gravierenden Mangelerscheinungen bräuchte allerdings dringender denn je eine Paradigmenadaption und könnte so einen Redtenbacher als spiritus rector nehmen, damit schließlich auch die Humanisierung fortschreite. Denn wie die Lebenswelten bis hin zur Technik zurzeit ablaufen, können wir nur schwer verantworten diese so – ohne metareflexive Optionen – den nächsten Generationen zu übergeben. Unser Geist und unser Potential wäre nämlich bereits ein gutes Stück weiter als unsere Realität. Schenken wir doch den Redtenbachers unter uns unser Gehör!


Zur Person:
Mag. Dr.phil, Lic.theol. Enrico Savio
HTL Steyr, anschließend Studien der Philosophie und Theologie in Linz, München und Innsbruck. Früher Hochschullehrer und Prvatradiobetreiber, z.Zt. Freiberuflicher Philosoph. Schwerpunkt: inventive Philosophie, Humorphilosophie, Philosophie des originären Humanum. Autor zu: Immanuel Kant und die Leibniz Wolffsche Schule (Diss. 1989); Philosophie der Kunsterfahrung (Hrsg. E.S. mit Monika Leisch-Kiesl, Die Wahrheit der Kunst, Stuttgart 1990) und Existenzphilosophie (Hrsg. E.S. mit Sybille-Karin Moser, Der blutige Ernst des Lebens, 1996). Diverse  Artikel zu Pädagogik- und Bildungsthemen sowie journalistische Beiträge.

 

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